Inklusion in der Schule

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Inklusion wird oft als Vorwand zum Sparen genutzt, wir benötigen aber individuelle Förderung.

Düsseldorf-Süd, im April 2015

Liebe Blog-Leserinnen und liebe Blog-Leser,

das Thema „Inklusion“ wird derzeit wieder viel diskutiert. Ich will Ihnen einige Gedanken näherbringen, weshalb wir es uns mit dem Projekt Inklusion nicht zu einfach machen sollten. Inklusion wird oft als Vorwand zum Sparen genutzt, und meiner Meinung nach müssen wir mehr auf die einzelnen Menschen als auf die großen Konzepte schauen.

Die Landesregierung in NRW will die Förderschulen abschaffen. Eltern, Lehrer und Verbände sprechen über „Inklusion“. Dabei fällt auf, dass oft nicht klar ist, was überhaupt mit dem Begriff „Inklusion“ gemeint ist. Die Vielfalt in unserer Gesellschaft bereichert unser Leben und selbst, wenn ein Mensch gesund geboren wird, kann z.B. ein Unfall im späteren Leben eine Behinderung verursachen. Auch werden wir durch die längere Lebenserwartung viele zusätzliche Angebote benötigen, die altersbedingte Einschränkungen erträglich machen.
Am 24. Februar 2009 hat die Bundesrepublik Deutschland das UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ratifiziert. Ziel dieser Konvention ist nicht nur klarzustellen, dass die Bürger- und Menschenrechte ohne Einschränkung für alle Menschen mit oder ohne Behinderungen gelten. Vielmehr will das Übereinkommen Teilhabe und gesellschaftliche Bedeutung von Menschen mit Behinderungen fördern. Dabei dürfen wir den Begriff „Menschen mit Behinderungen“ nicht zu eng fassen. Artikel 1 des Abkommens zählt auf, dass körperliche, geistige, intellektuelle und sensorische Beeinträchtigungen von der Konvention umfasst sind. In Artikel 24 der UN-Konvention einigten sich die Vertragsstaaten auf die Anerkennung des Rechtes auf Bildung von Menschen mit Behinderung. Um dieses Recht auf der Grundlage von Chancengerechtigkeit zu realisieren, sollen die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem (inclusive education system, inclusive = alle einbeziehend) gewährleisten.

Die UN-Konvention befasst sich jedoch explizit nicht mit bestimmten Schulformen oder Schulsystemen. In manchen Ländern der Erde, die diesen Vertrag unterzeichnet haben, gibt es kein Recht auf den Schulbesuch für alle Kinder. Die Konvention stellt im Vertrag an keiner Stelle die bisherigen differenzierenden Systeme in Frage oder kritisiert sie.
Inklusion in den Schulen in Nordrhein-Westfalen beziehungsweise Düsseldorf bedeutet für mich, dass alle Verantwortlichen das Wohl aller Kinder im Blick haben. Ich klammere die wirtschaftlichen Überlegungen aus, denn das, was die Landesregierung den Eltern in NRW versprochen und zugesagt hatte, wird um ein Vielfaches teurer werden.
In den 60er Jahren haben wir in Deutschland viel Geld in den Ausbau von Sonder- und später Förderschulen investiert, um Menschen mit geistigen Behinderungen ein möglichst individuelles und auf sie abgestimmtes Lernen zu ermöglichen. So wurden zusätzlich heilpädagogische Kindergärten gegründet. Die Schulpflicht galt auch für Menschen mit schweren geistigen Behinderungen, was bis heute nicht für alle EU Staaten gilt. Junge Menschen sollten individuell gefördert werden, und es entwickelte sich sogar der Berufszweig des extra ausgebildeten Sonderpädagogen. Obwohl dieser Weg sich als sehr teuer heraus stellte, waren wir uns als Gesellschaft aber einig, dass wir diese besondere Förderung wollten. Durch diese Spezialisierung wurde sehr viel Wissen zusammengetragen, das den behinderten Kindern in kleineren Gruppen beziehungsweise Klassenstärken komprimiert zu Gute kam. Das war und ist kein „Schubladendenken“ und „Aussortieren“ der Kinder. Ich bedaure bis heute, dass das zusätzliche Angebot für Kinder, die trotz Schuleintrittsalter noch nicht „schulreif“ waren, ersatzlos gestrichen wurde. Früher konnten die Kinder in kleineren Klassen eine besondere Förderung erhalten. Heute gehen sie in die Grundschule und dürfen in der offenen Schuleingangsphase drei anstatt zwei Jahre bis zur Versetzung in die 3. Klasse bleiben. Dies bedeutet aber nicht, dass sie eine besondere Förderung erhalten. Erfahrene Lehrer beklagen den Wegfall dieses Angebotes und sagen, dies sei Sparen am falschen Ende.
Da wir auch für besonders schwer behinderte Menschen eine berufliche Zukunft ermöglichen wollten, entstanden die Werkstätten für angepasste Arbeit. Diese Strukturen die mehr speziell ausgebildete Pädagogen, Therapeuten sowie medizinisches Personal benötigen, erfordern nicht nur andere Rahmenbedingungen, sondern sind auch teurer.

Die Landesregierung in NRW arbeitet seit vielen Jahren an dem Ziel, das differenzierte Schulsystem abzuschaffen, und ist auf dem Weg die „Schule für Alle“ einzuführen. Dazu gehört auch die Abschaffung der Förderschulen. Auch in Düsseldorf werden die ersten Förderschulen geschlossen.
Nun komme ich aus der Praxis und meine Aufgabe bestand viele Jahre ehrenamtlich darin, aus dem permanenten Mangel an den Schulen und der Unterfinanzierung im Schulsystem gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Dabei erschwerten Geldmangel, Lehrermangel und die unterschiedlichen politischen Zuständigkeiten meine Aufgabe.
Brauchen wir ein Angebot für alle zusammen oder ein differenziertes Angebot? Diese Debatte wird teilweise unsachlich, emotional und von Vorurteilen geprägt geführt.
Welches Angebot ist effektiver? Wo können sich unsere Kinder besser entfalten? Wo können sie sich optimal entwickeln? Fühlt sich ein Mensch wohl, wenn er immer der Letzte ist und weiß, dass er das Ziel nie erreichen kann? Fühlt ein Mensch sich wohl, wenn er immer ausgebremst wird, Rücksicht nehmen soll und nie leisten darf, was er kann?
Eltern stellen sich die Fragen: Was ist gut für mein Kind? Welche Begabungen hat mein Kind und was kann es leisten, ohne permanent überfordert oder unterfordert zu werden? Werden sie in Zukunft noch die Wahl haben, sich für oder gegen eine Förderschule zu entscheiden?
Für wen hat es einen besonderen Wert, wenn ein geistig behindertes Kind im Gymnasium unterrichtet wird und weiß, dass es nie das Abitur erreichen wird? Wenn das Kind mitbekommt, dass es seine wertvolle Zeit vertut, weil es die Dinge nicht lernt, die es für seinen Lebensweg benötigt?
Ganz abgesehen davon dürfen wir nicht vergessen, dass wir die Lehrer in all diesen Situationen alleine lassen. Es ist nichts ausreichend geregelt, und es gibt keine ausreichenden Ressourcen. Es gibt ein paar Vorzeigeschulen für die Öffentlichkeit, den kritischen Lehrern wurde ein „Maulkorb“ verpasst. Wir hatten ein gutes differenziertes Schulangebot in Düsseldorf, welches bis auf wenige Ausnahmen auch gut funktionierte, zumal immer zu wenig Geld im System war.
Ich bin davon überzeugt, dass einige Akteure derzeit nicht das Wohl der Kinder an die erste Stelle setzen, sondern sich aus ideologischen oder wirtschaftlichen Gründen für die weniger individuelle Förderung aussprechen.
Mir sind die unterschiedlichen Bedürfnisse von behinderten Kindern und Jugendlichen wichtig. Nicht jede körperliche Einschränkung ist für die Schulwahl relevant. Ein körperbehindertes Kind, das den Abschluss der Schule erreichen kann, hat bereits seit vielen Jahren die Möglichkeit jede Schulformen zu besuchen. Hier ist es unsere Aufgabe Barrierefreiheit zu schaffen. Auch gibt es im Freizeitbereich keinen Grund behinderte und nicht behinderte Menschen zu trennen.
Der besondere Bedarf geistig behinderter Menschen benötigt aber individuelle Förderung, um unserer Vielfalt gerecht zu werden. Bei meiner Kritik geht es auch um die allgemeine Sicht des zieldifferenten Unterrichts und der Überforderung aller Schüler durch einen nicht optimalen Einsatz der wenigen Ressourcen. Bei der letzten Schulrechtsänderung der Landesregierung NRW (16.10.2013) wurde den Förderschulen die Möglichkeit der Reduzierung und Ausnahmen für die Anzahl ihrer Schüler gestrichen, und die ersten Förderschulen müssen nun in Düsseldorf schließen. Leider nutzen wir nur begrenzt die Möglichkeit, den Standort der Förderschule bestehen zu lassen, und dieses besondere Angebot an eine andere Schule anzugliedern. Derzeit verschwenden Sonderpädagogen ihre wertvolle Zeit mit Fahrten zu den Kindern an unterschiedlichen Standorten, um sie dort wenige Stunden zu unterrichten.

Mich hat folgendes Beispiel nachdenklich gemacht. Vor ein paar Jahren kam eine Gruppe gehörloser Jugendlicher auf mich zu und bat mich sich für sie einzusetzen, weil ihr „Gehörlosen-Treffpunkt“ am Hauptbahnhof geschlossen werden sollte. Unter dem fadenscheinigen Argument einer falsch verstandenen Inklusion, sollte gehörlosen jungen Menschen aus dem Großraum Düsseldorf die Chance genommen werden, sich in Gebärdensprache auszutauschen und ihre Fähigkeiten zu trainieren. Nach langem Hin und Her konnte ich den Jugendlichen damals helfen. Seitdem werde ich immer hellhörig, wenn unter dem Stichwort „Inklusion“ Menschen mit besonderen Bedürfnissen ihre eigenen Räume genommen werden sollen.

Herzlichst
Ihre

Sylvia Pantel