Digitale Bildung fördern!

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Ein Gastbeitrag von Jürgen Hilger-Höltgen

Zur Initiative für mehr digitale Bildung an Schulen unserer Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Johanna Wanka, schreibt Jürgen Hilger-Höltgen heute einen Gastbeitrag. Der Lehrer an der Wilhelm-Ferdinand-Schüler-Tagesschule in Düsseldorf ist einer der Pioniere, wenn es um digitalen Schulunterricht geht.

Hilger-Höltgen

Jürgen Hilger-Höltgen und Sylvia Pantel, MdB

Düsseldorf, 14. Oktober 2016

Die Initiative von Frau Bundesministerin Wanka, den Ländern 5 Milliarden Euro zum Zwecke der verbesserten Digitalisierung deutscher Schulen zur Verfügung zu stellen, kann aus der Sicht und den Erfahrungen der Wilhelm-Ferdinand-Schüßler-Tagesschule in Düsseldorf nur eindeutig begrüsst werden. An dieser Schule wird seit nunmehr fünf Jahren Unterricht mit Tablet-Computern gestaltet. Zum Beginn des kommenden zweiten Schulhalbjahres werden alle Schülerinnen mit einem iPad ausgestattet sein und damit wird der Status einer „1:1 iPad-Schule“ erreicht worden sein. Ziel ist die Erlangung des Status „Apple-Distinguished-School“, um in einer weltweiten Gemeinschaft derartiger Schulen miteinander kommunizieren zu können. Dies war und ist durch kontinuierliche Aufbauarbeit, den neuen Medien zugewandte Unterrichtsformen und durch intensive Netzwerkbildung möglich geworden. Zu Beginn wurde vor ca. 8 Jahren ein Medienkonzept entwickelt und kontinuierlich fortgeführt. Diese Fortführung bot die Grundlage zum Umstieg von stationären PC’s über Laptops zum iPad und damit zum absoluten „Mobilen Lernen“.
Auf der Basis der Neueinführung und der Installation einer 1:1 Klasse wurde dieses Medienkonzept von Seiten der mit dem Aufbau befassten Steuergruppe durch eine Zusammenfassung von Erfahrungen und Wünschen unter dem Titel „Lead or left behind“ erweitert und untermauert.
Ein Maßnahmenkatalog zum Aufbau einer 1:1 iPad-Schule wurde erstellt und diente als gewünschte „Wegbeschreibung“ und Orientierungshilfe. Maßgeblich unterstützt wurde das Projekt durch die Abteilung „e-school“ der Stadt Düsseldorf, die für die Digitalisierung der Schulen zuständig ist, namentlich durch Herrn Wolfram Schmitz und Herrn Udo Kempers und die Bezirksvertretung 6 der Stadt Düsseldorf, hier im Besonderen Herr Ralf Hegelücken in Zusammenarbeit mit der CDU-Vorsitzenden für den Ortsteil Rath, Frau Sylvia Pantel (MdB).
Die WFS ist damit wahrscheinlich die erste staatliche Schule in Deutschland, an der iPads als ‚ständig für jedes Kind verfügbares Werkzeug‘ in der 1:1 Version genutzt werden.
Sie wird von der Firma Apple begleitet und fachlich unterstützt. Die auf dem Gelände ansässige Grundschule wird auf gleiche Weise folgen und so der „iPad-Campus-Rath“
entstehen, – „Mobiles Lernen von der ersten bis zur zehnten Klasse“ möglich sein.Dies ist ein in Europa einzigartiges Projekt!
Auf dem Weg zu dieser neuen Art ‚Schule‘ haben wir uns viele ähnliche Projekte im europäischen Ausland angeschaut oder habe Kontakt zu diesen Projekten aufgenommen und sind dabei zu dem Schluss gekommen, dass Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung der Schulen und im Besonderen in der Sache der Einführung von Tablet-Computern eindeutig und im wahrsten Sinn „hinter anderen europäischen Staaten hinterher ‚hinkt‘“. Dabei ist vor allen Dingen die Problematik im Vordergrund, dass die Mehrheit der Schulen nur unzureichend oder garnicht mit Internet-Zugängen ausgestattet ist, WLAN-Netzte nicht ausreichend zur Verfügung stehen und gipfelt gelegentlich in beinahe absurden Szenerien, wo z.B. Glasfaserkabel in Schulgebäuden liegen, die zwei oder drei Verwaltungsrechner einer Schule versorgen, was einer völligen Überdimensionierung entspricht, das Netz für den Unterricht aber völlig unzureichend dimensioniert ist und schon bei nur wenigen mobilen Geräten zusammenbricht. Daher ist eine finanzielle Unterstützung der Länder dringend notwendig, um den kontinuierlichen  Aufbau der Arbeit mit Computern und vor allem Tablet-Computern als neueste Generation zu gewährleisten.
Dabei wird immer wieder der Nutzen und die Notwendigkeit von Tablet-Computern im Unterricht kontrovers diskutiert. Sicherlich sind diese Geräte kein Allheilmittel und werden Deutschland nicht umgehend an die erste Stelle der Pisa-Studie katapultieren. Auch ist nicht damit zu rechnen, dass sich kurzfristig ein messbarer Erfolg einstellt, der die Kritiker verstummen lassen kann.
Vielmehr muss hier ein mittel- und langfristiges Beobachtungs-Konzept entstehen, dass von Anfang an möglichst kompetent begleitet und reflektiert wird. Auch hierfür bedarf es Gelder, um entsprechendes Personal zu bilden und zu finanzieren. Es ist sicherlich von unserer Seite (noch) keine großangelegte Reflexion möglich, dennoch sind verschiedene Dinge wie Verhaltensänderungen bei SchülerInnen, Änderung der Wertschätzung und Steigerung verschiedenster Kompetenzen sehr wohl beobachtbar, was mit den Erfahrungen der ausländischen Projekte übereinstimmt. Die Möglichkeiten der Binnendifferenzierung sind weit größer geworden, was den Gedanken der Inklusion enorm unterstützt.
Nunmehr konnten wir das im WDR2 ausgestrahlte Interview mit dem Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft, Josef Kraus, zur Kenntnis nehmen.
Dieser möchte den digitalisierten Unterricht lediglich als ‚Additum‘ zum herkömmlichen Unterricht sehen, die Grundschulen grundsätzlich davon frei halten, um hier zunächst „klassische Kulturtechniken“ zu lehren und vermisst belastbare Studien, die einen Lernfortschritt bzw. Lernerfolg belegen. Lieber hält er es mit den übrigen Kritikern, die einen „Verdummungsprozess“ in Gang gesetzt meinen, die allgemeine „erhöhte Oberflächlichkeit“ fürchten und die „Diskursbereitschaft“ von SchülerInnen und Lehrern stark in Gefahr sehen. Diese Sicht- und Argumentationsweise zeugt u.E. von einer beinahe ignoranten Haltung hinsichtlich der realen Unterrichtswelt an deutschen Schulen und vorwiegend an „nicht bayrischen Haupt- Real- und Gesamtschulen in Ballungsgebieten“ deren Schulwirklichkeit Herr Kraus durchaus zu kennen scheint. Wenn Kraus fordert, „…wir müssen lesen, lesen, lesen fördern…“, dann kennt er offensichtlich nicht die Unlust und das absolute Desinteresse von SchülerInnen in der Hauptschule – und, wie bei uns, im sozialen Brennpunkt – , ein Buch zu lesen. Und wenn die Arbeit mit iPads alleine dazu führt, dass unsere SchülerInnen überhaupt wieder mehr Texte lesen und möglicherweise dabei auch noch per digitalem Recherchieren in die Lage versetzt werden, ohne den für diese SchülerInnen beschwerlichen Weg über gedruckte Nachschlagewerke, sich Bedeutungshintergründe, Quellen-Aussagen oder Sachverhalte zu erarbeiten, dann ist dies nicht nur ein enormer Schritt in die an sich von Herrn Kraus geforderte Richtung, sondern ganz eindeutig eine Methodik, die diese Kinder auch aus ihrem Lebensumfeld kennen, da sie das Medium kennen und dafür eine Affinität besitzen und es mehr und mehr als Werkzeug und nicht als Spielzeug begreifen. Hier kann, darf und soll mit wieder mit Spass gelernt werden, was gerade unser Schülerklientel wieder näher an schulische Notwendigkeiten heranführt und welche in letzter Zeit im Denken der Kinder eher eine untergeordnete Position eingenommen haben.
Selbstverständlich birgt das Arbeiten mit digitalen Medien Risiken, die von Kindern häufig nicht gesehen und in ihrer Tragweite unterschätzt werden. Auch hier macht das Arbeiten mit iPads sensibel für derartige Probleme und damit „alltagstauglich“ in einer immer stärker werdenden, digitalen Lebenswirklichkeit der SchülerInnen. Sich dieser Wirklichkeit zu verschließen, sie nicht als gegeben anzunehmen und zu nutzen, sondern vielmehr althergebrachte „Kulturtechniken“ zu lehren, um damit den erkennbaren Defiziten zu begegnen und obendrein Plattitüden in der Sache zu pflegen, zeugt von wenig Bereitschaft zur Innovation, mangelnder Weitsicht und ist grob fahrlässig gegenüber den nachfolgenden Generationen und deren neueren, erkennbaren
Bedürfnissen und tendiert zu Gunsten von diskussionswürdigen Hoheitsstrukturen. Wenn es dann nämlich am Ende noch, wie bei Herrn Kraus, vielmehr und vor jedem fachlichen Bezug um die Diskussion geht, ob Frau Wanka sich mit dieser dringend nötigen Investition in das deutsche Bildungswesen denn nun beinahe „gesetzwidrig“ in ein „Kernstück des Föderalismus“ einmischt, ist endgültig der Punkt erreicht, an dem dem Verfahrensweg größere Wichtigkeit als dem Verfahrensgegenstand zugebilligt wird, was am Ende den Schulen in ganz Deutschland zum Nachteil gereicht.
Mit dem digitalen Aufbau an deutschen Schulen wird auf der Basis der Lebenswirklichkeit der SchülerInnen unterrichtet. Für sie wird das Medium „Tablet-Computer“ zum Hilfsmittel mit großem Zukunftsbezug. Durch die enorme Ausweitung der Möglichkeiten wird Unterricht interessanter, lebensnaher und praktischer und mobiler. Die Möglichkeiten von Datenbanken und Vernetzung gibt LehrernInnen eine ungeahnte Spannbreite an Unterrichtsmöglichkeiten und erprobten, leicht zu differenzierenden und modifizierenden Unterrichtseinheiten und -reihen. Auf die enormen Möglichkeiten, die das iPad für den DaF/DaZ/DaB-Bereich liefert, mag an dieser Stelle lediglich hingewiesen sein.
Und, – auch wenn es nicht nicht beleg- oder belastbar sein mag – : In der WFS ist schon jetzt eine deutliche Verbesserung der Unterrichtssituation hinsichtlich der Konzentrationsbereitschaft, der Beteiligung aller, auch schwächerer SchülerInnen und eine wesentlich größere Lust auf Schule zu beobachten. Mit der Hand geschrieben wird auch noch und wenn auch noch nicht „mehr“ gelesen wird, so wird doch wieder „lieber“ gelesen.

Frau Wanka geht den richtigen Weg. Es muss aber klar sein, dass es nur ein Anfang ist, das Aufstoßen einer Tür, die das Klassenzimmer der heutigen SchülerInnen zum „Klassenzimmer in Echtzeit“ werden lassen kann.