Kunden und Mitarbeiter dürfen nicht auf der Strecke bleiben

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Nach der Insolvenz von Air Berlin hat der Lufthansa-Konzern in Düsseldorf ein Fast-Monopol. Tausende Mitarbeiter von Air Berlin bangen jedoch weiter um ihre Arbeitsplätze. Es darf nicht sein, dass die Lufthansa Rosinenpickerei betreibt, aber Beschäftigte und Kunden auf der Strecke bleiben.


Eine Kolumne von Sylvia Pantel bei NRW-Direkt.net

Düsseldorf-Süd, 31. Oktober 2017

Gegründet wurde Air Berlin 1978 von dem US-amerikanischen Piloten Kim Lundgren. Bereits ein Jahr später startete die in den USA zugelassene Airline mit einer Boeing 707 von Berlin nach Palma de Mallorca. Nach der deutschen Wiedervereinigung gründete der ehemalige LTU-Manager Joachim Hunold zusammen mit Lundgren die Air Berlin GmbH.

In den folgenden zehn Jahren wuchs Air Berlin rasant, stockte die zuletzt aus zwei Boeing 737 bestehende Flotte nach und nach um 25 weitere Flugzeuge auf und war Ende der neunziger Jahre mit Verbindungen von zeitweise 14 deutschen Flughäfen auf die größte Balearen-Insel für den „Mallorca-Shuttle“ bekannt. Mit dem Beginn der Billigflug-Ära nach der Jahrtausendwende bot Air Berlin unter der Bezeichnung „City-Shuttle“ Verbindungen zu europäischen Großstädten mit hohem touristischen Aufkommen an. 2003 wurde Air Berlin zur zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft.

Erst rasante Expansion, dann Sinkflug

Mit dem Börsengang und der Übernahme der Billigfluglinie dba 2006 sowie der der Düsseldorfer Ferienfluggesellschaft LTU nur ein Jahr später machte Air Berlin zwar immer größere Sprünge, jedoch nicht unbedingt immer nach vorn. Zuletzt gehörten mehr als 150 Jets zur Flotte, jedoch kein einziger mehr dem Konzern selbst. Hohe Leasingraten und ein immer größer werdender Schuldenberg bedrohten die Airline und damit auch rund 8.000 Arbeitsplätze. Auch der Großaktionär Etihad Airways konnte Air Berlin trotz milliardenschwerer Finanzspritzen nicht mehr retten.

Jahrelange Managementfehler, insbesondere die viel zu spät erfolgte Trennung des Linien- und des Touristikbetriebes, rächten sich. Die Probleme mit dem neuen Flughafen in Berlin sowie die 2011 eingeführte Luftverkehrssteuer kamen hinzu und gaben der in Düsseldorf größten und wichtigsten Fluggesellschaft den Rest. Im August stellte Etihad die Zahlungen ein, womit die Airline am Ende war. Am späten Freitagabend landete das letzte Flugzeug von Air Berlin in Düsseldorf, danach wurde der Flugbetrieb eingestellt.

Tausende Beschäftigte hängen noch immer in der Luft

Mitglieder der Bundesregierung machten nach dem Insolvenzantrag sofort deutlich, dass der Lufthansa-Konzern große Teile von Air Berlin bekommen soll. Und so kam es auch: Schnell teilte der Gläubigerausschuss mit, dass exklusiv mit der Lufthansa und der britischen Easyjet verhandelt werde. Letztere wurde offenbar aus kartellrechtlichen Gründen mit ins Boot genommen. Andere Bieter, darunter auch der British-Airways-Mutterkonzern IAG, waren chancenlos. Am 12. Oktober einigten sich Gläubigerausschuss und Lufthansa-Konzern darauf, dass dieser mit der Touristiktochter NIKI, der Dortmunder Tochtergesellschaft LGW sowie 20 weiteren Flugzeugen einen großer Teil der insolventen Fluggesellschaft übernimmt. Für viele Beschäftigte von Air Berlin ist jedoch keine Übernahme geplant. Versprechungen, die sich zunächst gut anhörten, entpuppten sich zunehmend als Lohndumping.

Die Möglichkeit, sich bei Eurowings Europe, einer in Österreich ansässigen Gesellschaft des zunehmend verschachtelten Lufthansa-Konzerns, über den freien Markt und mit dementsprechend großer Konkurrenz zu weitaus schlechteren Konditionen, nämlich für 40 bis 50 Prozent des ursprünglichen Gehalts, zu bewerben, halte ich für inakzeptabel und den Versuch, unsere gewerkschaftlichen Errungenschaften zu umgehen. Die Hauptakteure dieser offenbar von langer Hand vorbereiteten Übernahme müssen als verantwortungsbewusste Arbeitgeber auch wirkliche soziale Verantwortung für die Beschäftigten übernehmen. Das Land Nordrhein-Westfalen und Arbeitsminister Karl-Josef Laumann sind bereit, ihren Beitrag zu leisten, um eine für alle Betroffenen tragbare Lösung zu finden.

Neue Marktmacht in Düsseldorf

Auch für die Fluggäste in Düsseldorf ist all das wenig erfreulich. „In Düsseldorf zum Beispiel sind jetzt 90 Prozent aller Slots für Starts und Landungen in der Hand der Lufthansa“, sagte der österreichische Luftfahrt-Unternehmer Niki Lauda am Donnerstag im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Bilanz. „Kein neuer Konkurrent hat die Chance, von Düsseldorf irgendwohin zu fliegen, es gibt keine Slots.“ Lauda prophezeite, dass die Lufthansa ihre neue Monopolmacht ausnutzen wird: „Das führt natürlich dazu, dass ab sofort alle Tickets teurer werden.“

Hier bleibt abzuwarten, wie die Kartellbehörden und insbesondere die EU-Kommission die neue Situation bewerten werden. Manches, was in der letzten Woche aus Brüssel zu hören war, deutet darauf hin, dass die Kommission die neue Marktmacht der Lufthansa sehr kritisch sieht. Aber auch der Umgehung von hart erstrittenen Arbeitnehmerrechten und dem durch Konstrukte wie Eurowings Europe forcierten Lohndumping im Luftverkehr ist entschieden gegenzusteuern. Es ist nicht zu akzeptieren, dass auf diesem Wege Arbeitnehmerrechte aufgeweicht oder umgangen werden sollen und deutsche Arbeitsplätze schleichend ins Ausland verlagert werden.

Der Überbrückungskredit in Höhe von 150 Millionen Euro, den die Bundesregierung der insolventen Air Berlin gewährt hat, war nicht dafür gedacht, anderen für ein solches Vorgehen mehr Zeit zu verschaffen. Das Verhalten eines so großen Unternehmens ist skandalös und darf meiner Ansicht nach politisch nicht toleriert werden. Mit der Existenz tausender Mitarbeiter darf nicht gespielt werden. Wenn hier kein akzeptabler Lösungsansatz für die Beschäftigten erarbeitet werden kann, sehe ich persönlich nicht nur einen erheblichen Rückschlag für deutsche Arbeitnehmerrechte, sondern auch einen massiven Imageverlust für die Lufthansa.